TansaniaDeutsche sorgt für Überraschungen

Die gebürtige Koblenzerin Christiane Strauch, jetzt in ihrer neuen Heimat Mwanza „Mama Salalah“, hat dort die Lebensumstände gefunden, nach denen sie sich sehnte: Begeisterung für den afrikanischen Sozialismus von Julius Nyerere brachte sie vor Jahrzehnten dorthin, einen bescheidenen Lebensunterhalt als Dozentin an der privaten Volkshochschule International Languages Traininjg Centre iltc verdient sie sich – weit entfernt von den sozialen Absicherungen und Annehmlichkeiten, die wir so schätzen. (Näheres darüber auf www.mwanza.de unter „Unsere Partner in Mwanza“) Land und Leute von Tansania haben es ihr angetan. „Wir Tansanier“, so beginnt sie Sätze, die ganz aus der Insider-Perspektive formuliert sind. Dass solche Migration, eine äußere wie innere Standort-Verlagerung, auch uns Zurückgebliebene bereichert, war während ihrer prall gefüllten Würzburg-Woche, die vom M.W.A.N.Z.A. e.V. organisiert wurde,  immer wieder zu spüren; insgesamt war sie in Deutschland einen ganzen Monat.



Die Gemündener Schüler von Staatlicher Realschule  und Friedrich-List-Gymnasium sahen ihr manchmal als lästigempfundenes Schüler-Dasein mit neuen Augen, als sie hörten: „Bei uns müsstet ihr nebenher noch arbeiten, um das Familieneinkommen aufzustocken: Erdnüsse rösten und verkaufen oder durch einen selbst gebastelten Dynamo die Handys der Nachbarn aufladen!“

Wie unkompliziert das Zusammenleben der verschiedenen Religionen im Bereich von Würzburgs Partnerstadt am Viktoriasee funktioniert, zeigte sich an der Antwort auf die Frage: „Wieso freut man sich auf die Feste der andersgläubigen Nachbarn am meisten?“ – „Weil man dann selber einen freien Feiertag hat und außerdem zum Festessen eingeladen wird.“ Trotz einzelner antichristlicher  Attacken auf Sansibar sei das die Grunderfahrung im täglichen tansanischen Leben.

Und die Kopftuchfrage? „Überhaupt kein Problem. Wenn es praktisch ist als Schutz gegen die Sonne, dann binde ich mir meinen Schal fachgerecht um und sehe wie eine Muslima aus. Beim Warten an der Bushaltestelle kamen drei Mädchen nicht aus dem Staunen heraus, als ich mich so gegen die Kälte hier schützte.“

Im Bereich der Pädagogik hielt sie bei Prof. Johannes Jung eine Vorlesung über „Schule und Bildung in Tansania“. Die angehenden Grundschul-Lehrkräfte lernten ein ganz anderes gesellschaftliches System kennen. Dass Elternhaus und Schule im offenen Kontrast stehen können, zeigte sie am Beispiel, dass in Tansania manchmal ganze Schulen miserable Abschlusstests nach der 7. Klasse Grundschule ablegen. „Warum? Die Eltern drohen mit Rauswurf aus dem Haus und der Familie, wenn sie den Zugang zur weiterführenden Schule erhielten. Sie wollen ihre Kinder lieber verheiraten oder vor Unmoral schützen oder einfach verhindern, dass ihre Kinder Haus und Hof gering schätzen und in die Stadt übersiedeln. Dann fehlt ihnen ihre eigene Zukunftsperspektive für das Alter.“

Bündnis 90 / Die Grünen und die Umweltstation kooperierten mit dem M.W.A.N.Z.A. e.V., um ein breiteres Angebot noch machen zu können: So eröffneten die Vorträge im Weltladen und in der Franz-Oberthür-Schule  neue Perspektiven. Ein klares Ja sprach Mama Salalah zu den Altkleiderspenden. „Unsere Textilindustrie wurde in den 80-er Jahren durch die Auflagen des Weltwährungsfonds kaputt gemacht.“ Heute trügen die Altkleider nicht nur zu billigen Versorgung der Bevölkerung bei, „auch einfache Leute können es sich leisten, mehrere ansehnliche Kleider zu haben.“ Sie selbst, eine „Frau der unteren Mitteelschicht“, trage sowohl afrikanische Schneidermode wie auch geschmackvolle Altkleider, weniger abwertend „mitumba“ genannt, in ihrem Kleiderschrank. Mama Salalahs Schwester aus der Rhön musste als Model dienen, um im Weltladen verschiedne Variationen vorzuführen. Außerdem bildeten sich um die Mitumba-Märkte Arbeitsmöglichkeiten verschiedener Art: Änderungsschneider, Verpackungshelfer, Abfallverwerter, Imbissbudenbetreiber, so dass Jobs für Arbeitslose entstehen.

Die Berufsschüler an der Franz-Oberthür-Schule guckten nicht schlecht, dass die Weiter- und Wiederverwendung von Materialien das Übliche sei: „Kleider und Stoffe werden so lange genutzt, bis sie aufgebraucht sind – zuletzt als Putzlappen; Plastikabfall wird als Fußball-Füllung genutzt, damit die Jugtendlichen ihre Ballkünste zeigen können. Und Glasflaschen werden als Behälter weiter verwendet.“

Beim Vortrag vor der Gesellschaft für deutsche Sprache wurde klar, wie bedeutsam die ostafrikanische Verkehrssprache Kisuaheli ist: Durch die Ostafrikanische Union, die über die englisch-französische Sprachgrenze hinausgeht, lernen gerade auch Ruanda, Burundi und bald der Süd-Sudan diese Sprache. Die europäische Einigung ist für die ostafrikanischen Staaten ein starker Anreiz, ebenfalls Staatenbündnisse zu knüpfen. Mama Salalah: „Die Afrikanische Union AU hat sogar beschlossen, Kisuaheli als gesamtafrikanische Sprache einzuführen, da sie als Handelssprache und nicht al Sklavensprache entstanden ist.“

Neben den Honoraren für die Vorträge trugen auch die Gebühren für einen Kisuaheli-Kurs an der Katholischen Hochschulgemeinde khg dazu bei, Mama Salalahs Reise zu finanzieren und den Stipendienfonds ihrer Schule zu füttern. Auch unbemittelte Menschen aus Mwanza sollen dort ihren Wissensstand verbessern können.

Einen praktischen Tipp gab Christiane Strauch noch zum Schluss: „Seid euch bewusst, dass die Menschen in eurer Partnerstadt nicht ‚nein’ sagen können! Da müsst ihr euch mehr einfallen lassen, um eine offene Antwort zu bekommen.“

Nach ein paar Tagen bei ihrer Schwester in Gersfeld brachte sie der Flieger zurück in ihre neue tansanische Heimat.

Wann sie wiederkommt? „Das 50-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft 2016 reizt mich schon. Mal sehen.“ Bis dahin dürfte die Einbürgerung in Tansania aber wirklich geschafft sein.


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